Liebeserklärung an Georgien

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10.03.10, 19:58:10

babelfisch

Andrea Strunk

Warum verliebt man sich in ein Land, das stets am Rande von Anarchie und Chaos lebt?

Als ich zum ersten Mal nach Georgien kam, traf ich auf ein zerfallendes Land, an dessen Grenzen die Regionen wegbrachen, wie Stücke von der Schelfeiskante. Abchasien und Südossetien wollten mit Georgien nichts mehr zu tun haben, an der Schwarzmeerküste herrschte Aslan Abaschidse mit autokratischem Größenwahn über die touristischen Walfahrtsorte Georgiens. Korruption ließ die Wirtschaft erstarren, viele lebten am Rande des Existenzminimums, während sich Präsident Eduard Schewardnadse und seine Entourage kräftig bereicherten. Unter anderem am Geld, das aus Deutschland nach Georgien floss.

Dass mancher seine Finger in schmutzigen Waffendeals hatte und die jeweiligen Militärs und Regierungen je nach Gusto Geschäfte mit jenen machten, die sie eigentlich bekämpften, dass tschetschenische, abchasische und südossetische Rebellengruppen mal für diese, mal für jene Ziele eingesetzt wurden - das alles erschwerte es mit den Jahren immer mehr, eine Antwort darauf zu finden, warum es für das kaukasische Dilemma keine Lösung gab. Je mehr Fragen ich stellte, desto unentwirrbarer wurde das Knäuel aus Selbstmitleid, übersteigertem Nationalismus, politischer Manipulation, Banditentum, Bereicherung und Machtgier. Wo auch immer im Namen der Freiheit gekämpft wurde, war Freiheit nur selten noch das Ziel.

Doch stets, wenn ich meinte, mir ein vernichtendes Urteil darüber erlauben zu dürfen, beschämte mich der Mut, mit dem die Georgier einen Alltag meisterten, der die meisten Menschen in meinem Land in Jammerlappen verwandeln würde. Oft wurde ich dort mit Wärme überhäuft, wo die Not am größten war. Meine Zuneigung zu Georgien hat ihren Ursprung in dieser Gastfreundschaft. Auf jeder Reise wurde mir Hilfsbereitschaft zuteil, wurde ich gefüttert, mit Wein und Wodka bedient, in die richtigen Richtungen geschubst, mit Tee gewärmt, vor Öfen gesetzt, bemuttert, begurrt. Die meist reich gedeckten Festtafeln, das ständige Kommen neuer Gäste, für die lachend und freudig Platz gemacht wurde, die stundenlangen Mahle, bei denen Klatsch getauscht und Familiengeschichten erzählt wurden, erinnerten mich an die Feste meiner Kindheit: Kinder, die nie zu Bett geschickt wurden, die Lieder, die alle singen, wenn einer sein Instrument hervorholt - bis schließlich aus Müdigkeit, Wein und Stimmengewirr eine watteweiche Geborgenheit wird.

Auf der ersten Reise nach Georgien hatte ich so viele Leute kennen gelernt, dass mir der zweite Aufenthalt bereits wie eine Rückkehr zu Vertrautem erschien. So blieb es auch. Jedes Mal, wenn ich mitten in der Nacht ankam, mich müde ins Taxi warf und der Wagen dann endlich in die oftmals stockdunklen Straßen der Altstadt von Tiflis einbog, über die Schlaglöcher des ältesten Stadtteils Mejdan fuhr, schlug meine Herz schneller. Ich ahnte den Fluss Kura mehr, als ich ihn sehen konnte, bald darauf kam die in Flutlicht gehüllte Statue Wachtangs, des georgischen Staatsgründers, in den Blick, zuletzt fuhr ich über die Hauptstraße Rustaveli. Im Sommer ging dann gerade die Sonne auf.

In Deutschland zu erklären, warum man sich ausgerechnet in ein Land verliebt, das stets am Rande der Anarchie steht, ein Land voller Chaos und Konflikte, ist schwer. Die Nachrichten aus Georgien haben dafür gesorgt - dabei ist die Schönheit der Landschaft zum Niederknien. Neben dem Tragischen existiert in Georgien auch immer das Fröhliche, ganz Alltägliche. In langen durchredeten Nächten teilte ich die Sorgen und Träume meiner Gastgeber, erlebte ihre Freude über die Rosenrevolution und die Enttäuschung.

Georgien hat mich mit jedem Besuch verändert. Wenn ich zurückkam nach Deutschland, war ich innerlich und äußerlich verwahrloster, mein Denken, mein Benehmen archaischer. Vor allem fühlte ich mich für eine Weile reicher, getragen von einer Wolke aus Freundschaft und Nähe.



26.03.10, 08:27:39

babelfisch

Liebeserklärung an Georgien

Von Leoluca Orlando

Das schwer geprüfte Land im Kaukasus ist und bleibt Teil Europas

Im Jahr 1988 verbrachte ich mit meiner Familie einen Monat in Georgien. Wir mussten fliehen vor Todesdrohungen der Mafia und waren Gäste Eduard Schewardnadses, des Georgiers, damals Außenminister der Regierung Gorbatschow.
Ich war oft in Georgien in all den Jahren, ich hatte weiter Kontakt mit Schewardnadse, auch mit Behörden, mit Künstlern und ein herzliches Verhältnis zum Patriarchen Ilya II., schon seit der Zeit, als Seine Heiligkeit mitten in der Heimat im Exil leben musste, überwacht und kontrolliert von der sowjetischen Polizei. Und noch in unseren Tagen bin ich gerne dort. Seit über 20 Jahren fehlt es in meinem Haus nie an einer Flasche georgischen Weins aus der Region von Kakheti, um meinen Hals hängt immer eine Kette mit dem Davidsstern, der Hand der Fatima und dem traditionellen Kreuz des heiligen Nino, seit 300 nach Christus Zeuge des Christentums im Kaukasus.
Ein Georgier, Professor an der Columbia University in New York, war einmal mein Gast in Palermo, um die Kultur der Legalität in Italien, wie ich sie nenne, ebenso wie in Georgien voranzubringen. Dieser junge Professor hat mich später nach Tiflis eingeladen, zu seiner Einführung ins Amt als georgischer Präsident.
Der neue Präsident Michail Saakaschwili ließ im Januar 2004 neben der georgischen Flagge auch die europäische hissen, um Nein zu sagen zum Regime Schewardnadses, das überrollt wurde von der Bestechlichkeit seiner Minister und Gefolgsleute, und um die Welt daran zu erinnern, dass Georgien ein europäisches Land ist, ein demokratisches europäisches Land, und auch als solches gesehen werden will.
Hier, in der überzeugten europäischen Identität Georgiens, liegt der Schlüssel für eine Krise, durch die viele erst entdeckt haben, dass Georgien nicht nur die Heimat Stalins ist, sondern dass Georgien überhaupt existiert und leben will, dass es die Osseten gibt und die Abchasen.
Es gäbe noch so vieles zu entdecken in diesem Land: dass es Schota Rustaveli gibt und eine außerordentliche Literatur, dass es georgischen Wein gibt, große bildende Künste, dass sich Herz und Geist noch an den großen Dichter Majakowski erinnern und dass das intellektuelle Symbol Georgiens, Ilya Chahavadse, zu Beginn des 20. Jahrhunderts von seinem Landmann Stalin umgebracht wurde, als Beweis für dessen Treue zum Kommunismus und dem georgischen Ursprung zum Trotz. Es gäbe noch so vieles zu entdecken in diesem kleinen Staat, mit seiner Sprache mit den eigentümlichen Buchstaben, gesprochen von fünf Millionen Menschen, dem Staat, der seit einigen Wochen im Zentrum der Aufmerksamkeit der Welt steht.
Die Georgier wollen entdeckt werden. Das Land bittet seit Jahren darum, in den Barcelona-Prozess eingebunden zu werden, in die Europa-Mittelmeer-Partnerschaft, und beruft sich dabei auf die seine Geschichte und seine Wurzeln, aber auch auf die Teilnahme des Nachbarn Türkei an eben diesem Prozess und ebenso auf die Zugehörigkeit des Schwarzen Meeres zur komplexen Realität des Mittelmeerraums.
Die fortdauernde europäische Unsensibilität dieser Bitte gegenüber aber hat Georgien zu einem anderen Schicksal verdammt: zu dem eines Landes, das zum Zwecke militärischen Gleichgewichts und aus wirtschaftlichen und energiepolitischen Interessen von Europa und der Welt ausgenutzt wird. Die Auseinandersetzungen mit Russland sind die Bestätigung und dramatische Konsequenz dieser Rolle, die nichts mit der normalen Rolle eines friedlichen, demokratischen europäischen Staates zu tun hat. Saakaschwili spielt die Rolle eines Präsidenten im Krieg, er muss sie spielen. Seit einigen Monaten schon, und heute ist das dramatisch aktuell, schickt sich der Kaukasus an, zum neuen Balkan zu werden, wird Tiflis zum neuen geteilten Berlin. Ein neuer kalter Krieg?
Präsident Saakaschwili widerstand den Attacken der russlandfreundlichen Opposition und versuchte, den Unabhängigkeitsbestrebungen mit Verweis auf die unverzichtbare territoriale Einheit Einhalt zu gebieten. Er schlug eine föderale Gliederung der Verfassung vor. Er wollte sogar, erfolglos freilich, den Präsidenten der von den Abchasen ausgerufenen Republik zu seinem Stellvertreter machen, zum Vizepräsidenten der Republik Georgien. Alles erfolglose Versuche.
Präsident Saakaschwili, einer Brücke nach Europa beraubt und eingezwängt in eine nunmehr rein militärische Logik, hat eine Militärintervention in Südossetien angeordnet: eine defensive Entscheidung, freilich getroffen aus nationalem und institutionellem Stolz, Hasardspiel und Verzweiflungstat, die x-te und dramatische Anrufung der internationalen Gemeinschaft und besonders der EU.
In Georgien, eingezwängt zwischen zwei militärische Blöcke und zum puren Territorium der Militärs gemacht, hat die Spirale eines wahren, eines ernsten Krieges begonnen, ein internationaler Zusammenstoß, der nur vordergründig zwischen dem russischen Goliath und dem georgischen David ausgetragen wird. Nur Europa kann hier eine Rolle ausfüllen, die nicht aufs rein Militärische beschränkt ist.
Um weitere Szenen der Zerstörung, des Terrors, um weitere Tote zu vermeiden, muss Europa, vor einem sicherlich legitimen Beitritt Georgiens zur Nato, die europäische Identität und die europäische Bestimmung der kaukasischen Republik respektieren. Europa muss willkommen heißen, dass sie sich einfügt in die Europa-Mittelmeer-Partnerschaft, von der Präsident Sarkozy erklärt hat, sie in neuen Formen wieder beleben zu wollen.
Wenn das nicht geschieht, wird Europa einen Rückschlag erleiden, der viel schwerer sein wird als das irische Nein zum Vertrag von Lissabon. Wenn das nicht geschieht, wird die EU eine reine Gemeinschaft von Bankern, eine Währungsgemeinschaft bleiben, nicht mehr als eine tönerne Vase ohne Inhalt.

Leoluca Orlando war von 1995 bis 2000 Bürgermeister von Palermo und einer der prominentesten Kämpfer gegen organisierte Kriminalität und Korruption in Italien. Heute ist der Staatsrechtslehrer Abgeordneter im römischen Parlament.
24.06.10, 14:58:32

babelfisch

geändert von: babelfisch - 24.06.10, 15:03:25

Auf den Straßen Tbilisis
Obwohl alles neu ist für mich, genieße ich meinen ersten Tage in Georgien. Überall treffe ich -als nicht georgisch sprechender Besucher- auf freundliche Menschen.
Meine erste Kontaktaufnahme mit Georgiern begann keineswegs erst in Georgien. Schon beim Warten auf den Flug von München nach Tbilisi konnte ich die freundliche Natur der Menschen beobachten. Georgier umringten mich. Sie schienen aufrichtig aneinander interessiert zu sein und fanden Verbindendes auf allen Ebenen, von Familie bis Fußball. Mir war schnell klar, während ich auf den verspäteten Flug wartete, dass ich ein Land bereisen würde, deren Einwohner mich willkommen heißen und mir den Aufenthalt so angenehm wie möglich machen würden.

Bei der Ankunft in Tbilisi nahm mich mein Vater in Empfang. Am nächsten Tag sollte meine abenteuerliche Entdeckungstour durch Tbilisi beginnen. Den ganzen Tag hindurch begegnete ich der Freundlichkeit der Menschen aber auch den kleinen Unterschieden.

Da ist als erstes der Verkehr. Bei uns hat jeder ein Auto, und das ist der einzige Weg, außerhalb der großen Städte wie New York oder Boston voran zu kommen.
Hier machte ich zunächst Bekanntschaft mit den "Marshrutkas", den kleinen Personentransportern. Mein Vater und ich kletterten also hinein und dann rumpelten wir zusammen mit anderen Passagieren unserem Ziel entgegen. Mein älterer Bruder war letztes Jahr in Georgien hatte mich vorgewarnt, dass der Personentransport ein wenig speziell sei, und alles etwas beengt sein würde.
Jedenfalls erreichten wir unser Fahrtziel und zwängten uns aus dem Fahrzeug. Und dann begann die nächste Herausforderung: das Zurechtfinden zu Fuß.

Das sichere Überqueren der Straßen ist so eine Art georgischer Nationalsport. Den Georgiern gelingt es mühelos, während ich an einem Tag gleich mehrere Beinaheunfälle produzierte, nur weil ich mich an gewöhnliche Verkehrsregeln hielt.
Georgier warten nicht auf den ordnungsgemäßen Zeitpunkt, sondern laufen los, bevor die Ampel umschaltet. Ich versuchte mich schließlich auch an dieser Methode und hatte einigermaßen Erfolg (ich habe überlebt und kann heute diese Zeilen niderschreiben). Man muss sich eben den örtlichen Gepflogenheiten anpassen (When in Georgia do as the Georgians do!).

Es gab viel zu tun. Als erstes suchte ich eine Bank und ein paar Geschäfte auf. Alle hatten Geduld mit mir als ich meine ersten georgischen Worte lernte, aber ich werde in den zwei Monaten, die ich hier verbringen werde, nicht richtig georgisch lernen können. Stattdessen werde ich es mit Deutsch versuchen, da ich überrascht festgestellt habe, dass ein Menge Leute in Tbilisi deutsch sprechen. Georgier haben eine natürliche Sprachbegabung, und Englisch und Deutsch scheinen die beliebtesten Fremdsprachen in der jungen Generation zu sein.

Ich bin Student der Germanistik und Politikwissenschaft in Amerika und hier in Tbilisi spreche ich ebensoviel Deutsch wie Englisch. Mein Deutsch ist nicht überragend, aber es reicht, um mit vielen Georgiern ins Gespräch zu kommen.
Ich möchte mein Deutsch im örtlichen Goethe-Institut vertiefen, das sich auf dem Hügel oberhalb der Rustaveli-Staue nahe der Metro-Station befindet. Ein ermüdender Weg eine steile Kopfsteinpflasterstraße hinauf führt mich zur Bibliothek, die auch Internetplätze vorhält.
Im Institut gibt es auch gutes Essen für wenig Geld. Die Qualität ist besser als die im Fastfoodrestaurant am Fuße des Hügels.

Und so bin auch zu meinem ersten offiziellen Dokument in Georgien gekommen, einer Bibliotheksausweiskarte.



Jordan H. Evans

in www.geotimes.ge
08.10.10, 08:32:50

babelfisch

Der Schriftsteller und Germanist Stephan Wackwitz : „Ich gehe nächstes Jahr nach Tiflis in Georgien. Der Südkaukasus ist ein alter Traum von mir, den ich mir als letzte Station meines Arbeitslebens erfüllen möchte. Mich reizt das Arbeiten in Transformationsgesellschaften, in denen man etwas bewegen kann. Und die georgische Kultur - eine originelle und selbstbewußte Mischung aus römisch-osmanischer Mittelmeerwelt, persischen Einflüssen und russischen, polnischen, deutschen und französischen Anregungen - zusammen mit dem wunderbaren Wetter, der interessanten Geschichte, der herrlichen Landschaft, den freundlichen Menschen, der weltberühmten Küche und dem georgischen Wein - das ist schon etwas Einmaliges.“
http://www.mz-web.de/servlet/ContentServer?pagename=ksta/page&atype=ksArtikel&aid=1286344280952
04.06.11, 17:03:32

Chatschapuri

Sehr interessant.
Das schöne an Georgien ist meiner Meinung nach auch die Mischung aus europäischer und morgenländischer Kultur. Eine spannende Mischung - Schach, Nardi, Wein, Kirche, Familie, Landschaft...alleine was dort alles wächst; Georgiens Vorteil war bisher der natürliche Anbau von landwirtschaftlichen Produkten.
Ein vielfältiges Land - viele Gesichter auf einer kleinen Fläche.
 
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