Die reiche Architektur von Tbilisi

original Thema anzeigen

27.07.09, 16:46:55

babelfisch

geändert von: babelfisch - 27.07.09, 17:00:59


Das reiche architektonische Erbe von Tbilisi trägt Spuren der größten Weltreiche in sich: der Griechen, Römer, Byzantiner, Türken und Perser. Dennoch bewahrt es seine eigene Besonderheit und Originalität, seinen eigenständigen Platz im Weltkulturerbe. Während dieser Aspekt der Architektur internationalen Wissenschaftlern sehr wohl bekannt ist, ist die Architektur des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts bisher noch nie so umfassend studiert worden wie frühere Perioden.
Obwohl Georgien eine Kolonie Russlands war, pflegte es dank seiner günstigen geographischen Lage und der Nähe zum Schwarzen Meer enge Kontakte zu anderen Teilen Europas. Georgier reisten nach Europa, nützliche gegenseitige Beziehungen entwickelten sich, und junge Georgier fingen an, europäische Universitäten zu besuchen. Das Ergebnis war, dass der Jugendstil, der die europäische Architektur gegen Ende des 19. Jahrhunderts erobert hatte, mit Beginn des 20. Jahrhunderts in Georgien erschien. Wie in Russland wurde er als „Modern“ bekannt. Die langsame Entwicklung des Kapitalismus, die wirtschaftliche Rückständigkeit und eine kaum existierende Baubranche bewirkten ein Aufblühen des georgischen Handwerks, das über einen längeren Zeitraum als in Europa andauerte und sowohl den Zeitgeist und Geschmack widerspiegelte, als auch örtliche Bräuche, Traditionen und Lebensart. Georgische Handwerker und Kunsthandwerker bildeten eine Zunft in Amkari, wie es sie bereits im Mittelalter gab. Dank der ungehinderten Kontakte zu Europa verbreitete sich der neue Stil rasch, und zwar nicht nur in der Hauptstadt Tiflis, sondern auch in anderen georgischen Städten: Batumi, Poti, Sokhumi, Gagra, Kutaisi, Kobuleti und Dusheti. Der Jugendstil wurde sehr populär zu der Zeit. Selbst eine oberflächliche Sicht auf den Einfluss, den der Jugendstil in Georgien hatte, zeigt, dass es ein Stil war, der gleichermaßen beliebt war bei arm und reich, bei Architekten und Bauherren. Obwohl die Häuser der reichen Bürger sich natürlich von denen der kleinen Leute unterschieden, was die Verwendung von teurem Baumaterial und bevorzugten Wohnlagen betrifft, sind sie doch alle gleich schön.
Es gibt zahlreiche Beispiel von Jugendstilgebäuden in Tbilisi: obwohl die meisten noch vorhandene Wohnhäuser sind, kann man auch noch andere Gebäude finden: zum Beispiel das „Apollo“ Kino (1909), eine Schule (1910), ein Kaufhaus (1903) und eine Bank (1902). Unter den Wohnhäusern sind: 1, Al. Chavchavadze St. (1913); 12, Chonkadze St. (1905); 4, Chonkadze St. (Anfang 20. Jahrhundert); sowie eine technische Hochschule (1913). Weitere Beispiele beinhalten Wohnhäuser und andere Gebäude: 3/5, Galaktioni St. (Anfang 20. Jahrhundert); 6, Javaxishvili St. (Anfang 20. Jahrhundert); 4, Kikodze St. (Anfang 20. Jahrhundert); 3, Kodjori St. (1905); sowie ein Konservatorium(1904); und ein Mütterheim (1912); ein Haus 10, Krilovi St. (Anfang 20. Jahrhundert) ein Theater (1907); 37, Rustaveli St. (Anfang 20. Jahrhundert); 28, Ninoshvili St. (1904); eine Tabakfabrik (1909); ein Haus 39, Tcinamdgvrishvili St. (Anfang 20. Jahrhundert); und ein Kinderkrankenhaus (1906)
Laut Dokumenten und Fotos aus Archiven war ein Pavillon, der von den durch Öl reich gewordenen Brüdern Nobel für die Jubiläumsausstellung von Landwirtschaft und Industrie in Tiflis 1901 in Auftrag gegeben wurde, das erste Beispiel für den Jugendstil. Es wurde von dem berühmten Künstler und Bildhauer Jacob Nicoladze entworfen. Leider gibt es den Pavillon nicht mehr.
Die traditionellen Holzbalkone an den Häusern in Tiflis im 19. Jahrhundert befanden sich ursprünglich an der Hauptfassade; als sich jedoch der Jugendstil verbreitete, wurden diese Balkone auf die Rückseite der Häuser verlegt und mit dekorativen Motiven des neuen Stils versehen, die nicht der Tradition entsprachen. Die Existenz dieser rückwärtigen Balkone zeigt sowohl den lokalen Einfluss auf den vorherrschenden internationalen Jugendstil als auch die harmonische Koexistenz europäischer und traditioneller Stilarten.
Der Jugendstil war so populär in Georgien, dass die Rekonstruktion der Fassade von der ältesten Karawanserei in Tiflis (1650 erbaut, aber nach und nach zerstört und mehrmals wieder aufgebaut) im Jugendstil ausgeführt wurde. Manche traditionellen Häuser des 19. Jahrhunderts wurden ebenfalls zu Beginn des 20. Jahrhundert umgebaut.
Leider wurden in der Sowjetzeit viele Gebäude zerstört oder fielen Reparaturarbeiten oder Naturkatastrophen zum Opfer. Wir haben an vielen Häusern sowohl Türen, Tore, Mosaike verloren als auch Buntglas. Manchmal gibt es deutliche Spuren von Umbaumaßnahmen. Die schwierigen politischen und wirtschaftlichen Bedingungen in Georgien machen es schwer, diese Gebäude zu retten und zu erhalten. Weder die armen Mieter noch die Eigentümer können sich in angemessener Weise darum kümmern. Manche wunderbaren Kunstwerke sind bereits spurlos verschwunden, und viele werden bald verloren sein.
Die Jugendstilarchitektur ist Teil des europäischen kulturellen Erbes; aber, durch den Mangel an Pflege und Aufmerksamkeit kann dieses Erbe verschwinden, bevor die europäische Öffentlichkeit überhaupt etwas von seiner Existenz erfährt.

Bücher:
Maia Mania, European Architects in Tbilisi.
Die mit Unterstützung der EU, des Europarats, der deutschen und polnischen Botschaft erschienene Monographie, beschreibt 63 öffentliche und Privatbauten, die Ende des 19. und in den ersten Dezennien des 20. Jahrhunderts entstanden. Italiener und Tessiner, dann vor allem Polen, Deutsche und ein Schwede prägten die eigentümliche Mischung europäischer Standards (Klassizismus, historischer Eklektizismus, Jugendstil) und georgischer Traditionen (Holzbalkone in den Höfen, Elemente der Sakralarchitektur) mit, die für die historischen Quartiere von Tbilissi charakteristisch wurden.

Josef Baudig et al., Architekturführer Tbilisi.Auf einen Überblick über die städtebauliche Entwicklung Tbilissis (K. Ziegler) folgt ein 130 Objekte erfassender Katalog von Bauwerken des Mittelalters, des 19. und 20. Jahrhunderts (Maia Mania), der Sowjetzeit und der Gegenwart (J. Baulig). Jeder Bau wird knapp kommentiert und mit farbigen Fotografien vorgestellt. Der Anhang enthält eine Bibliographie. Obwohl ein ausführlicher Stadtplan fehlt, und die Übersetzung der ursprünglich georgisch geschriebenen Texte äusserst mangelhaft ist, gehört das handliche Buch in die Tasche jedes interessierten Georgienreisenden.




05.08.09, 11:32:50

babelfisch

Architekturführer Tbilisi
Mit einem Architekturführer unterstützt die Landeshauptstadt Saarbrücken den Erhalt von Denkmälern in Tbilisi.

Auf 180 Seiten werden zweisprachig in deutsch und georgisch die erhaltenswerten Denkmäler aller Epochen mit Farbfotos und kurzen Texten erfasst. Damit legt das Buch die Grundlage für eine genauere Inventarisierung der Denkmäler der georgischen Partnerstadt.

Architekturführer Tbilisi In der Sowjetunion beschränkte sich die Denkmalpflege auf mittelalterliche Sakralbauten. Der Architekturführer richtet nun sein Augenmerk auch auf Profanbauten aller Epochen bis hin zur modernen sowjetischen Nachkriegsarchitektur. Damit ist er Basis für die Arbeit von Denkmalschützern in Georgien. Und er ist zudem auch für interessierte Bürger ein informativer Reisebegleiter bei ihrem Besuch in der Saarbrücker Partnerstadt. Denn auf dem Markt gibt es kaum aktuelle Literatur über Tbilisi.

Der Architekturführer Tbilisi ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit im Rahmen des GTZ-Projektes 'Landmanagement Georgien' zwischen der Landeshauptstadt Saarbrücken, Baudezernat/ Denkmalpflege, ihrer Partnerstadt Tbilisi, Department of Architecture and City Development, und der Technischen Universität Kaiserslautern, Lehrstuhl für Ortsplanung. Neben der in Deutschland erscheinenden ersten Auflage wird eine zeite Auflage in Georgien gedruckt.

Josef Baulig, Maia Mania, Hans Mildenberger, Karl Ziegler
Hrsg.: Landeshauptstadt Saarbrücken / Technische Universität Kaiserslautern
'Architekturführer Tbilisi'
182 Seiten mit 270 Farb- und 6 Schwarz-weiß-Photos, 7 Karten
1. Auflage 2004
ISBN 3-936890-39-0
 
Powered by: phpMyForum 4.1.8.1 © Christoph Roeder